Tröstende Arme

16. Oktober


Langsam stieg die Sonne über die kleinen Berge am Rande der Siedlung und weckte Getier und Mensch gleichermaßen. Auch Eoddren saß bereits am Rande des Bettes, aufgestützt auf seinen Armen, nach vorne gebeugt und sein Kopf zur Seite gedreht, immer noch seine schlafende Mitbewohnerin Manyulana beobachtend. Er schnappte sich ein frisches Hemd, sowie seine Stiefel und schlich ebenso leise wie am Vorabend wieder hinaus aus dem Haus, sich dabei noch einen leeren Krug vom Regal nehmend, welchen er vor der Türe mit frischem Wasser aus dem Brunnen befüllen will.

Mit großen Schlucken schüttete er sich das eiskalte Nass in den Rachen und anschließend den Inhalt nun langsam in den Nacken und über den Kopf, zuvor den Oberkörper von jeglicher Kleidung befreit. Das frische Brunnenwasser verursachte ihm eine Gänsehaut und weckte zugleich alle Lebensgeister in ihm. Mit routinierten Griffen wurde der Handspiegel auf den Rand des Brunnens gelegt, das Rasiermesser ausgepackt und der über Nacht bereits wieder existierende Nachwuchs entfernt. Er war froh darüber die Wette gewonnen zu haben, doch war es der Ausgang der Wette und all die darauf folgenden Ereignisse, welche ihm die Rasur am Vortag zu einer wahren Befreiung erschienen ließ.

Frisch rasiert, ein sauberes Wams am Körper mit dem Wappen der Westfold von Rohan, sitzt er auf den Treppen seines Hauses, schnitt immer wieder mit seinem Dolch ein Stück des Apfels herunter um es sogleich zwischen Schneide und Daumen in den Mund zu stecken, als er in der Ferne des Weges einen Reiter erblickt, ein ihm wohl bekanntes Pferd. Es war Alandurien auf ihrer hellbraunen Stute, welche sich dem Haus näherte, die aufgehende Sonne im Rücken, den Blick gerade aus auf ihn gerichtet, doch kein übliches Lächeln ist zu entdecken.

«Maer aur, Baragur,» [Guten Morgen, Feuerherz] erklang ihre ruhige, aber traurige Stimme gen Eoddren, während sie die letzten Fußlängen am Pferd zurück legte und sich lautlos und elegant aus dem Sattel schwang, sobald sie an der Grenze des Grundstückes ankam. Es war dieser Moment, welchen beide wohl fürchteten und so nickte er ihr nur knapp und langsam zu, steckte sein Messer in das Treppen einfassende Holz und legte seinen Apfel zur Seite, ehe er sich von der Treppe erhob und auf sie zuschritt. Es bedurfte keiner weiteren Worte der Beiden, der Rohirrim schloss Alandurien sofort in seine Arme, drückte sie sanft an seine Brust und strich ihr über das Haar. Kaum, dass ihr Gesicht seine Brust berührte, ließ sie ihrem Schmerz freien Lauf, Tränen liefen ihre Wangen entlang, umschlossen von den starken Armen ihres langjährigen Freundes lehnte sie sich an ihn und wurde beinahe schon unter seiner Umarmung begraben. Es vergingen viele Minuten, als die zwei fast reglos im Garten standen, das Plätschern des Flusses nebenan, die Vögel in den Bäumen sangen ihr Lied und Eoddren strich ihr immer wieder über das Haar, ehe er flüsternd die Stille durchbricht, «Ninlass, es tut mir so leid für euch. Ich hatte euch alles Glück dieser Welt gewünscht.» Doch Alandurien antwortete nicht darauf, sie nickte bloß und ihre Tränen hinterließen mittlerweile einen feuchten Fleck an seinem Wams.

Wieder vergingen einige Augenblicke, ehe er sie vorsichtig an den Schultern nahm und sanft ein wenig weg schob um ihr in die tränennassen Augen sehen zu können. Mit gesenktem Kopf stand sie vor ihm, die Schultern hinab hängend, immer noch kein Wort sagend und doch sprachen ihre Augen und ihre Haltung Bände. Er streifte ihr mit dem Daumen über die Wangen um die Spur der Tränen wegzuwischen und erst jetzt nahm er ihren Köcher am Rücken, sowie das bepackte Pferd wirklich wahr.

«Ninlass… du willst gehen?» fragte er mit sanfter Stimme und erhoffte sich doch irgendwie, dass er sich täuschen würde und sie im Breeland vorerst bleiben würde. Doch seine Hoffnung wurde jäh enttäuscht, als sie langsam nickte und dies bejahte und er schloss schmerzerfüllt die Augen.

Erst jetzt vernahm er das Zittern in ihrer Stimme, als sie ihm antwortete: «Ich muss. Ich kann im Moment nicht hier bleiben. Theonrid ist in Sicherheit, du bist versorgt und meine Aufgaben hier für den Moment sind erfüllt. Es war schön dich wieder zu treffen, es war eine sehr schöne Zeit hier in Bree und doch führt mich mein Weg weiter.»
Nun war es Eoddren, welcher wortlos nickte. Es war ihm seit dem ersten Tage, als sie ihn Bree wieder aufeinander trafen klar, dass auch wieder die Zeit des Abschieds kommen würde. Doch wünschte er sich jedes Mal aufs Neue, dass sie nicht gehen würde. Ja, er liebte sie, doch nicht auf die Art und Weise, wie es ein Geliebter an ihrer Seite getan hätte. Er liebte sie, wie er Eaddren und Theonrid liebte. Sie war seine kleine ‘Ninlass’ [Tränenblatt], jene Elbe welchem ihm den Beinamen Baragur gab, jene, welcher er sein Leben mehrfach verdankt und jederzeit für sie, alles auf sich nehmen würde, nur um sie zu beschützen. Doch diesen Platz hatte nun ein anderer in ihrem Herzen. Samuyel war es, den sie von ganzen Herzen zu lieben gelernt hatte, dem sie ihr Herz schenkte und doch auch wusste, dass diese Herzen nicht im selben Takt schlagen würden. Es war nicht seine Herkunft, auch nicht die Hürden, welche sie auf sich nehmen mussten, sie war eine Elbe und er ein Mensch, trotz seiner Dunádán Abstammung, würde Alandurien ihre Unsterblichkeit aufgeben durch diese Verbindung. Obwohl es in der Geschichte von Mittelerde schon mehrfache Verbindung zwischen Elb und Mensch gab, so waren sie stets voll Traurigkeit und Kummer gesäumt und Alandurien wusste dies, so wie es auch Samuyel wusste. Es fühlte sich falsch an, trotz der Gefühle füreinander.

«Ninlass….ich weiß, aber…. kannst du nicht… ?» stammelte er, nun wieder selbst getroffen von dem Abschied, ihr entgegen. Doch bevor er seinen Satz vollenden konnte, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und schüttelte langsam den Kopf.

«Nein, und das weißt du, Baragur.»

Ein letztes Mal zog er sie an sich heran, umarmte sie erneut, selbst die Augen nun zugepresst und den Moment nicht enden lassen wollen. Auch Alandurien legte ihre Arme um ihn, ehe sie sich wieder von ihm löste und ohne weiterer Worte zu ihrem Pferd ging. Widerwillig strich Eoddren ihren Rücken, ihre Oberarme entlang, als sie seinem Griff entglitt, reglos, als könne er sich nicht bewegen. Jeder Abschied der Elbe verpasste ihm einen Stich mitten ins Herz und jedes Mal konnte er sich keinen Fingerbreit bewegen, wenn sie von ihm fort ging, nicht wissend, dass er es auch nicht könnte, wenn er wollte. Die Fähigkeiten eines Elbenjägers, wie Alandurien sie war, gingen weit über das Lesen von Spuren und das Auslegen von feindlichen Fallen hinaus.

Mit Schwung und Eleganz sprang sie in den Sattel ihrer Stute, wendete sie am Stand und ritt in einen langsamen Trab den Weg entlang, raus aus der Siedlung, aus dem Breeland und weiter gen Osten nach Imladris.